Wie viele Wörter kennt ein Mensch? So misst man Wortschatz wirklich

Die Frage klingt einfach, die Antwort hängt an drei Definitionen: Was ist ein Wort, was heißt kennen, und wie zählt man, ohne jedes einzelne Wort abzufragen?

Kurz gesagt: Erwachsene Muttersprachler erkennen meist 20.000 bis 70.000 Grundwörter passiv, nutzen aktiv aber nur einen Bruchteil. Seriöse Tests schätzen aus einer Stichprobe nach Häufigkeit und korrigieren Raten mit erfundenen Wörtern.

Was als Wort zählt

Gezählt werden Lemmata, also Grundformen. Haus, Häuser, Hauses sind ein Lemma. Komposita wie Haustür sind ein eigenes, weil das Deutsche sie unbegrenzt bildet, zählen viele Studien nur lexikalisierte, also im Wörterbuch stehende Zusammensetzungen. Allein diese Entscheidung verschiebt Ergebnisse um Zehntausende.

Passiv ist nicht aktiv

Passiver Wortschatz umfasst alles, was du beim Lesen verstehst. Aktiver Wortschatz ist, was du spontan verwendest. Die Lücke ist groß: Wer 40.000 Wörter versteht, produziert im Alltag vielleicht 8.000 bis 12.000 verschiedene. Tests mit Ja-Nein-Fragen messen immer die passive Seite.

Wie man schätzt statt zählt

Niemand fragt 50.000 Wörter ab. Stattdessen ordnet man alle Wörter nach Häufigkeit im Sprachgebrauch und zieht aus jedem Häufigkeitsband eine Stichprobe. Kennst du 100 Prozent der häufigsten 2.000 und 40 Prozent der Wörter um Rang 20.000, lässt sich daraus die Gesamtzahl hochrechnen. Das Prinzip stammt aus der Lesepsychologie und wurde unter anderem in der niederländischen Studie Woordentest mit über 200.000 Teilnehmenden angewendet.

Das Problem mit dem Raten

Wer unsicher ist, klickt gern „kenne ich“. Deshalb mischen gute Tests erfundene Wörter unter, die echten ähneln. Wer davon viele anklickt, bekommt die Trefferquote anteilig abgezogen. Das Verfahren heißt Korrektur nach der Signalentdeckungstheorie und ist der Unterschied zwischen einem Spiel und einer Messung.

Was die Forschung zeigt

GruppePassiver Wortschatz (Schätzung)
Kind mit 6 Jahren5.000 bis 8.000
Jugendliche mit 1615.000 bis 25.000
Erwachsene, durchschnittlich25.000 bis 40.000
Vielleser, Akademiker50.000 bis 70.000

Der Wortschatz wächst lebenslang, am stärksten durch Lesen. Wer täglich 30 Minuten liest, begegnet pro Jahr mehreren Millionen Wörtern und damit regelmäßig seltenen Lemmata, die im Gespräch nie vorkommen.

So rechnet unser Test

Der Wortschatz-Test auf Wörterbuch.net zieht 36 echte Wörter aus neun Häufigkeitsbändern unseres Korpus und mischt acht Pseudowörter darunter. Aus deinen Antworten entsteht eine korrigierte Quote pro Band, hochgerechnet auf die Bandbreite. Das Ergebnis ist eine Schätzung mit etwa 15 Prozent Unschärfe, die bei Wiederholung an einem anderen Tag stabiler wird. Neu ist der Vergleich: Du siehst, wie du gegenüber allen bisherigen Teilnehmenden liegst. Zum Nachschlagen: Wortschatz und Lemma.

Lena Hartwig

Lena Hartwig hat Germanistische Linguistik und Phonetik in Leipzig studiert und zehn Jahre lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, zuletzt an einer Hochschule in Hamburg. Bei Wörterbuch.net verantwortet sie Aussprache, Lautschrift, Silbentrennung und die Qualität der Beispielsätze. Ihr Spezialgebiet: Warum Muttersprachler Wörter anders betonen, als es das Lehrbuch sagt.

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